Die Moorleiche aus Kayhauserfeld

Sie sieht in der bräunlichen Konservierungsflüssigkeit nicht nur gruselig aus, sondern birgt auch eine schreckliche Geschichte - die Leiche eines 11 bis 13 Jahre alten Jungen, der vor 76 Jahren im Kayhauser Moor entdeckt wurde. Der grausige Fund aus vorchristlicher Zeit ist im staatlichen Museum für Naturkunde und Vorgeschichte (Oldenburg) seit vielen Jahrzehnten einer der Anziehungspunkte. Die Fundstelle im Kayhauser Moor wurde von Gerd Bigeschke mit einem Holzschild gekennzeichnet. 1998 beschäftigte die Moorleiche erneut die Wissenschaft. Forscher fanden - unterstützt durch modernste Untersuchungsmethoden wie Computertomographie - das genaue Alter des Jungen.

Der gefesselte und erstochene Junge wurde vor genau 2362 Jahren im Moor versenkt. Nur dem sofortigen Luftabschluss, der konservierenden Kraft des Moores und dem richtig handelnden Finder ist es zu verdanken, dass die Leiche noch heute Aufschlüsse über Lebensweise, Umstände und Tathergang gibt. Die Entdeckung des Fundes ist in der Schrift ,,Die Moorleichen im Museum am Damm" genauestens von Dr. h. c. Hayo Hayen dokumentiert worden: ,,Als Friedrich Roggemann am 3. Juli 1922 im Kayhauser Moor Torf grub, dachte er an nichts Besonderes. Das kühle Wetter erleichterte die Arbeit, so dass er Bank für Bank herausholte und mit einem guten Tagewerk rechnen konnte. Als Roggemann wieder eine Sodenreihe mit dem ,,Schniedspaten" vorschnitt, stieß er auf einen unerwarteten Widerstand.Es kamen Knochenstücke und Pelzfetzen zutage. Langsam und vorsichtig entfernte er Torfsoden um Torfsoden. Als er nochmals auf Widerstand stieß, legte er die Schaufel beiseite und arbeitete mit den Händen weiter. Eine hellgraue Masse, die so weich war wie nasse Pappe kam zum Vorschein. Immer deutlicher zeigten sich Umrisse des Fundes, und zu seinem nicht geringen Schrecken erkannte Roggemann, dass es eine auf dem Rücken liegende menschliche Leiche war. Sie befand sich in etwa 1,20 Meter Tiefe.

Beide Unterschenkel waren mit einem Pelz zusammengeknotet. Diese hatte Roggemann beim Vorschneiden der Weißtorfsoden mit seinem Spaten abgetrennt. Vorsichtig drehte er dann die Leiche - angefasst an einem Ohr - auf die linke Seite. Dabei rissen unglücklicherweise die Hände ab, die unter der Leiche im Wollgrastorf steckten, so Dr. Hayo Hayen in seiner Dokumentation. Roggemann erkannte, dass nur ein Experte den Fund fachgerecht bergen konnte, und so verständigte er Dr. h. c. Sandstede aus Bad Zwischenahn, der wiederum das Museum in Oldenburg benachrichtigte. Die Leiche wurde bereits am nächsten Tag fotografiert, untersucht und vermessen.Alle losgerissenen Teile, Stoff- und Pelzreste wurden ebenfalls geborgen. Am gleichen Tag brachte Roggemann die Leiche auf seiner Torfkarre nach Bad Zwischenahn. Bis zum Abtransport nach Oldenburg blieb der Fund noch einige Tage in einem Gebäude des Freilichtmuseums ,,Ammerländer Bauernhaus". Besucher nahmen mehrere der abgetrennten Knochen und Fingernägel mit. In Oldenburg wurde die Leiche 1922 untersucht und in eine fäulniswidrige Präparationsflüssigkeit gelegt. 1952 kamen weitere und bei der jüngsten Untersuchung sehr detaillierte Erkenntnisse zutage.   Der blonde, etwa 1,20 m große und körperbehinderte Junge lag auf dem Rücken im Moor. Beide Unterarme waren mit Stücken eines feinen Wolltuches nach hinten zusammengebunden. Diese Fesselung war bis zum Hals weitergeführt und darum befestigt. Darüber hatte man ein zweites Gewebe schalartig geschlungen, das freie Ende über die Vorderseite gelegt und durch die Beine hinaufgeführt, wo es wieder an der Halsumwicklung geknotet war. Diese komplizierte und nach der Tötung angelegte Fesselung (eine Stichwunde befand sich unter dem unbeschadeten Stoff) gab den Wissenschaftlern zunächst Rätsel auf. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass die Stricke und Tuchreste für den Transport der Leiche angelegt wurden; ebenso der als Fußfessel umfunktionierte Pelzumhang des Jungen. Der Tathergang konnte anhand der Obduktionen ungefähr rekonstruiert werden. Danach wurde der Junge durch mehrere Stiche getötet. Die eng aneinanderliegen­den Wunden machen die Verwendung eines Dolches wahrscheinlich.


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Die Moorleiche

26160 Bad Zwischenahn